Philosophie - ein Therapieersatz?

Als mir klar wurde, dass mir meine in vielem spannende Arbeit als Philosphiedozent zu wenig mit meinem Alltag und dem Leben der Menschen zu tun hatte, erinnerte ich mich an Sokrates' Beschreibung der Philosophie als "Sorge um die Seele". Die Philosophie nämlich wurde von Sokrates verstanden als gemeinsames Fragen danach, was denn ein gutes Leben ausmacht. Das Ziel des philosophischen Gesprächs war also praktisch und sollte ganz handgreifliche Folgen haben. 

Der Weg zu mehr "Praxisrelevanz" führte mich schließlich zur von Viktor Frankl begründeten Logotherapie. Diese Therapieform nämlich versteht den Menschen wie Sokrates als ein Wesen, das ein gutes und sinnvolles Leben führen will. Und wie Sokrates ist Frankl davon überzeugt, dass wir das auch können. Dabei geht es in logotherapeutischen Sitzungen freilich immer um den konkreten Menschen hier und jetzt, während die Philosophie das Leben des Menschen im allgemeinen in den Blick nimmt. Weitere therapeutische Fortbildungen folgten. In meiner Arbeit als Therapeut und Berater mischt sich inzwischen beides, Philosophie und Psychotherapie.

Daher habe ich mich sehr gefreut, als mich vor einiger Zeit ein Journalist kontaktierte, um mit mir über das Verhältnis von Therapie und Philosophie zu sprechen. Dieses Gespräch hat zu einem Artikel beigetragen, der jetzt in "Psychologie heute" erschienen ist:  http://bit.ly/1Thz73A

Wie "alltagstauglich" also ist die Philosophie und wann kann sie Psychotherapie ersetzen? Nun, zunächst scheint mir klar, dass Menschen, die z.B. an einer Zwangsstörung, unter übermäßigen und irrationalen Ängsten oder einer ausgeprägten Depression leiden, eine Psychotherapie benötigen. Philosophische Gespräche können ein therapeutisches Vorgehen allerdings unter Umständen sinnvoll begleiten, und zwar dann, wenn das Problem sozusagen eine philosophische Seite hat.

Nehmen wir beispielsweise einen Menschen, der nach dem Verlust eines Angehörigen auch nach Jahren nicht wieder ins Leben zurückfindet, sondern niedergeschlagen und freudlos vor sich hinlebt.Hier ist eine Psychotherapie sinnvoll. Allerdings leidet dieser Mensch ja tatsächlich unter etwas, das für uns alle nur schwer erträglich ist, nämlich unter der Endlichkeit menschlichen Lebens. Fast möchte man ihm wünschen, dass er sich nicht einfach wieder beruhigt, sondern der Frage nachgeht, wie ein gutes und sinnvolles Leben im Angesicht des Todes aussehen kann. Wenn er diese Frage nicht nur für sich sondern allgemein beantworten will, dann steht er mit beiden Beinen auf philosophischem oder religiösem Terrain.

Was wir über solche Lebensfragen denken, hat praktische Auswirkungen. Nehmen wir z.B. jemanden, der - wie Philosophen sagen würden - Hedonist ist. Ein Hedonist ist überzeugt ist, dass es im Leben letztlich darum geht, möglichst viel Lust und möglichst wenig Unlust zu empfinden. Ein solcher Mensch wird den Rest der Welt als eine Art Ansammlung von Glücksmitteln oder Glückshindernissen betrachten. Nichts hat für ihn einen Wert unabhängig von der Lust oder Unlust, die ein Gegenstand hervorrufen kann. Wer eine solche Ansicht wirklich lebt, ist hochgradig gefährdet, seelisch zu erkranken. Ein solcher Mensch nämlich muss verzweifeln, wenn das Leben keinen Spaß mehr macht oder er all des Spaßes überdrüssig geworden ist. Wie Viktor Frankl nachgewiesen hat, kann diese Verzweiflung zu psychischen Störungen wie Depression oder Sucht führen.

Hier ist eine bestimmte philosophische Ansicht also geradezu krankmachend. Das bedeutet aber umgekehrt, dass eine philosophische Korrektur dieser Ansicht unter Umständen heilend sein kann: Wenn ein Hedonist etwa anerkennt, dass er andere Menschen nicht nur um der Lust willen liebt, sondern weil diese Menschen ihm um ihrer selbst willen am Herzen liegen, dann gewinnt sein Leben an Tiefgang und Sinn - und er macht einen Schritt aus der Verzweiflung hinaus.

Ganz allgemein könnte man sagen: Jeder von uns hat Ansichten über das Leben, die sein Leben beeinflussen. Es macht also Sinn, sich darüber klar zu werden, welche Ansichten man vertritt - und welche Folgen das für das eigene Leben hat. Es macht also Sinn, zu philosophieren. Manchmal braucht man außerdem einen Therapeuten, nämlich dann, wenn die eigenen Schwierigkeiten nicht durch eine Änderung der eigenen Lebens- und Weltsicht allein zu überwinden sind.


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