Terror und innerer Friede

Von Aristoteles stammt der Satz, der Mensch könne nur entweder besser oder schlechter sein als ein Tier. Nun finde ich es immer problematisch, Aussagen darüber treffen zu wollen, was (andere) Tiere können oder nicht. Allerdings ist das Zitat von Aristoteles trotzdem hilfreich, um zu verstehen, worum es in unserem Leben als Menschen geht. Nehmen wir mal an, es stimmt tatsächlich, dass nicht-menschliche Tiere nur genau so leben können, wie sie eben – ihrem Instinkt entsprechend – leben. Anders als in „Findet Nemo“ dargestellt könnten sich dann etwa Haie nicht aus ethischen Gründen dazu entschließen, vegetarisch zu leben. Sie müssten Fische und Meeressäuger essen, einfach weil ihr Instinkt ihnen das gebietet. Damit wären sie für ihr Tun nicht verantwortlich.

Wir Menschen hingegen können uns fragen, ob unser Verhalten nun gut oder schlecht, richtig oder falsch ist. Wir sind verantwortlich für das, was wir tun. Damit aber ist klar, dass unser Leben, ethisch gesehen, gelingen oder misslingen kann.

Wir können uns dann, wie Terroristen und andere Fanatiker, von einer unmenschlichen Ideologie und von Hass leiten lassen – und damit grausamer werden als ein anderes Tier es sein könnte. Wir können aber auch versuchen, ein friedliches und liebevolles Miteinander zu verwirklichen – und damit etwas Schönes zu realisieren, das andere Tiere so nicht verwirklichen könnten.

Das aber bedeutet für unsere Reaktion auf hasserfülltes Verhalten, dass wir uns von unseren unmittelbaren Gefühlen und Impulsen leiten lassen können, etwa indem wir selbst in Hass oder blinde Ablehnung allem Fremden gegenüber verfallen. Oder wir können versuchen, dennoch offen und liebevoll zu bleiben. Dazu gehört, dass wir unsere unmittelbaren Reaktionen akzeptieren und ihnen verständnisvoll begegnen. Das heißt, wir schieben unsere Angst, unsere Wut und unsere Ohnmacht nicht weg. Wir weigern uns aber, sie zum Grund unserer eigenen Ansichten und unseres Verhaltens werden zu lassen. Wir versuchen, trotz Gewalt und Unrecht unser Herz weit werden zu lassen und nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten.

Mir gelingt das ein wenig besser, wenn ich mir vorzustellen versuche, wie verbohrt und letztlich verzweifelt ein Mensch sein muss, der sich selbst opfert, nur um möglichst viele andere Menschen mit in den Tod zu reißen. Wie muss sich das anfühlen, wie einsam, wie sinnlos, wie fern von innerem Frieden, Gelassenheit oder wirklichem Glück? Wie aber sieht es in mir aus, wenn ich auf Hass mit Hass reagiere? Wie friedvoll und glücklich bin ich dann selbst? Werde ich den Attentätern dann nicht ähnlicher?

So gesehen ist das Gebot Jesu, seine Feinde zu lieben, eine Art Anleitung zur Psychohygiene. Wem es gelingt, auch den Feind zu lieben, nimmt ihm die Macht über sein Innenleben und sein Tun. Dazu passt eine Anekdote über den Dalai Lama. Der nämlich soll auf die Frage, wie er denn angesichts des Unrechts in Tibet so versöhnlich über China reden könne, sinngemäß gesagt haben: „Sie haben mir meine Heimat genommen. Soll ich ihnen die Macht geben, mir auch noch den inneren Frieden zu rauben?“ Viele werden nun aber einwenden, dass man auf Terror auch mit entschiedenen, notfalls gewaltsamen Maßnahmen reagieren müsse. Nun, ich denke, das muss man in der Tat. Nur wird derjenige, der dies ohne Hass tut, Augenmaß walten lassen – und bereit bleiben, dem anderen die Hand zu reichen, wenn sich dazu Gelegenheit bietet.

Ein Satz, den ich in letzter Zeit öfter lese, drückt das gut aus: "Unseren Hass kriegt Ihr nicht."


Drucken