Polyamorie?

In der letzten Zeit finden sich in meiner Praxis immer mehr Paare ein, die sich darüber streiten, wie sie es mit der Treue halten wollen. Immer mehr Menschen scheinen sich für die Idee der Polyamorie zu begeistern, d.h. für die Freiheit mit beliebig vielen Menschen Liebesbeziehungen einzugehen.

Dieser Trend zur freien Liebe entspricht einer schon länger bestehenden Tendenz, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse möglichst ungehindert von traditionellen moralischen Regeln ausleben zu wollen. Insbesondere seit den 70er-Jahren wurden Ideale wie Treue und Verzicht zunehmend durch das Ideal eines lust- und gefühlsbetonten Lebens abgelöst. Gesund, lebendig und authentisch, so die Idee, ist nur der Mensch, der die ganze Fülle seiner Begierden und Gefühle befreit. Mit Befreiung aber meinte man nicht nur, dass man all diese Regungen wahrnimmt. Nein, man sollte sie auch ausleben.

Besonders deutlich wird das am erwähnten Konzept der Polyamorie. Wer keiner Faszination und keinem Begehren mehr widerstehen will, dem erscheint der traditionelle Wert der Treue als unzumutbare Einschränkung, ja als Form der Unehrlichkeit. Irgendwie ist er oder sie nicht mehr ganz sie selbst, wenn er sich da einschränken sollte.

Ich möchte hier alle moralischen Überlegungen einmal beiseite lassen und nur der Frage nachgehen, ob dieses Ideal weitgehender Freiheit in Liebesdingen nicht auch einen Preis hat. Meiner Erfahrung nach ist das in der Tat häufig der Fall. Paradoxerweise führt dieses Ideal in vielen Fällen nämlich dazu, dass andere menschliche Bedürfnisse eben nicht oder nur eingeschränkt befriedigt werden können.

Dazu gehört zunächst sehr oft der Wunsch, den eigenen Partner nicht zu verletzen und den eigenen Kindern einen möglichst stabilen, Rahmen zu bieten, in dem sie sicher aufwachsen können. Schwer mit Polyamorie zu vereinbaren, ist auch das eigene Bedürfnis nach Sicherheit, oder die Sehnsucht nach tiefer Intimität und Nähe in einer dauerhaften, vertrauensvollen und ehrlichen Partnerschaft.

Zumindest nach meiner Beobachtung sind polyamouröse Partnerschaften oft ziemlich instabil. Das überrascht nicht. Wer mehr sucht als bloßen Sex, öffnet sich ja auf einem anderen Menschen auch seelisch und baut eine tiefe Bindung auf. Dass das eine bisherige Partnerschaft in der Regel in Frage stellt, dürfte nicht überraschen. Für Partner und Kinder sind solche Phasen jedenfalls häufig bedrohlich und krisenhaft.

Dieses Beispiel der freien Liebe und die Schwierigkeit es mit anderen menschlichen Wünschen zu vereinbaren, beleuchtet ein Grundproblem unseres Lebens: Häufig empfinden wir widersprüchliche Begierden, Wünsche und Gefühle gleichzeitig. Dazu kommt, dass viele Gefühle und Begierden flüchtig sind: Wer ihnen folgt, der gleicht einem Schmetterling, der über eine Wiese flattert: Wo es hingehen soll, ist kaum auszumachen. Alles bleibt vorübergehend und bruchstückhaft.

Wenn wir also auf ein wenig Konstanz in unserem Leben nicht verzichten wollen, müssen wir entscheiden, welchen Gefühlen und Wünschen wir folgen. Dazu müssen wir herausfinden, was wir nach eingehender Prüfung als wirklich wichtig und wertvoll ansehen können. Und dann brauchen wir ein Mindestmaß anDurchhaltevermögen, um das einmal Ziel nicht aus dem Auge zu verlieren. Das bedeutet natürilch nicht, dass wir nie einen Kurswechsel einleiten könnten.

Und es bedeutet eben nicht, dass wir diejenigen Begierden und Gefühle, denen wir nicht folgen, verteufeln oder gar verdrängen müssten. Wir können sie wahrnehmen, ohne ihnen Folge zu leisten. Um noch einmal auf die Polyamorie zurückzukommen: Auch wenn wir neben unserem Partner noch andere Menschen begehrenswert und faszinierend finden, können wir unserem Partner treu bleiben. Dafür müssen wir den inneren Konflikt von Treue und Begehren aushalten. Aber auch wenn wir aber die freie Liebe zum Maßstab nehmen, müssen wir unter Umständen anderen Tendenzen in in uns zuwider handeln. Auch dann müssen wir innere und äußere Konflikte ertragen.

Man könnte auch sagen, es gibt kein Paradies auf Erden, keine vollendete Harmonie, kein Leben ohne Verzicht. 


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