Der Himmel zu zweit

Der Himmel zu zweit

Was ist die Hölle? Eine populäre Geschichte schildert diesen Ort so: Die Hölle sei ein Saal, in dem hungrige Menschen vor Schüsseln voll gut duftender Suppe sitzen. Leider sind die Löffel, die sie in den Händen halten so lang, dass sie sie nicht zum Mund führen können und immer hungrig bleiben. Der Himmel hingegen sehe eigentlich nicht anders aus: Auch hier sitzen die Menschen mit langen Löffeln vor ihren Suppenschüsseln. Der einzige Unterschied: Sie löffeln sich gegenseitig das Essen in den Mund. Und siehe da, die langen Löffel sind doch zu gebrauchen.

Ehrlich gesagt, ich finde diese Schilderung des Himmels nicht sehr überzeugend. Vor allem nicht, wenn ich von meiner Arbeit als Paarberater ausgehe und mir die Menschen, die sich da gegenseitig füttern, als Liebes-, Ehe- oder Lebenspartner vorstelle. Das, was hier als Himmel geschildert wird, gleicht doch stark der anfänglichen Verliebtheit: Beide Partner scheinen sich alles zu geben, was jeder von ihnen schon lange ersehnt. Jeder macht den anderen glücklich!

Wie aber geht es weiter? Irgendwann wird der ein oder andere müde. Oder es wird ihm langweilig. Vielleicht verirren sich verstohlene Blicke zu all den attraktiven Menschen an den Nachbartischen. Irgendwann hört der eine oder andere auf, seinen Partner zu füttern. Und dann? Bald kommt die erste Klage: „Warum gibst Du mir nichts zu essen? Früher war es anders!“ Auf den Angriff folgt der Gegenangriff: „Mit Dir war es auch mal schöner! Warum fütterst Du mich nicht mehr so wie damals?“ Darauf kommt dann meist die Antwort: „Wenn Du mich nicht fütterst, füttere ich Dich auch nicht mehr!“ Und so geht es dann hin und her und man kann schon froh sein, wenn sich beide Seiten nicht die Löffel um die Ohren hauen. Oft holen sich dann beide einfach von den ebenfalls streitenden Nachbartischen neue Partner und das Spiel beginnt von vorn.

Der vermeintliche Himmel wird so der ganz normale Hölle vieler Paare. Wie aber könnte ein Himmel aussehen, der auch auf Dauer himmlisch bleibt? Ich stelle ihn mir so vor: Die Paare sitzen wieder vor ihren Schüsseln. Aber irgendwie sind sie auf die gute Idee gekommen, dass man Löffel nicht nur am äußersten Ende sondern an jeder beliebigen Stelle anfassen kann. Und so isst nun jeder mit seinem eigenen Löffel aus seiner eigenen Schüssel. Dabei werfen sie sich freundliche Blicke zu und unterhalten sich, nicht immer aber immer wieder. Ab und an reichen sie sich die Brotschüssel. Das war‘s. Keiner macht den anderen dafür verantwortlich, ob er oder sie satt – sprich glücklich - wird. Sie haben verstanden: dem anderen die Verantwortung für sein Glück zuzuschieben – oder ein solche Verantwortung für den anderen zu übernehmen - ist die Eintrittskarte zur Hölle.

Damit meine ich übrigens nicht, dass man sich in Partnerschaften nicht gegenseitig unterstützen soll. Partnerschaften funktionieren im Gegenteil dann sehr gut, wenn jeder viel gibt und viel vom anderen nimmt. Aber das Glück, die Selbstachtung und die Geborgenheit im Leben, die kann einem ein Partner nicht geben.

 


Drucken