Midlife-crisis

Die vielleicht erste Beschreibung einer Midlife-crisis stammt aus dem 13. Jahrhundert und wurde von Dante höchst-persönlich zu Papier gebracht. Seine "Göttliche Komödie" beginnt Dante mit folgenden Worten:

In der Mitte unseres Lebenswegs

fand ich mich in einem dunklen Wald  wieder (...)

Oder, weil es so schön klingt, auf italienisch:

Nel mezzo del cammin di nostra vita
mi ritrovai per una selva oscura (…)  

Im Leben gibt es immer wieder Übergänge, die schwer zu bewältigen sind: Oft handelt es sich um Übergänge, die hauptsächlich von außen eingeleitet werden: Die Schule, die Ausbildung oder das Studium sind vorbei.... Oder man geht in Rente... Oder die Kinder gehen aus dem Haus...

Das Besondere der Krise in der Lebensmitte aber scheint zu sein, dass äußere Faktoren oft nicht ausreichen, um zu erklären, warum ein Mensch in eine innere Krise gerät.

Oft sieht es eher so aus, als würde uns unsere Seele eine Rechnung präsentieren: "Jetzt hast Du das und das gelebt und erreicht. Gut, aber irgendetwas fehlt. Irgendwie ist das alles nicht mehr so wichtig." Wenn sich die Midlife-crisis so ankündigt, dann zeigt sie sich oft als eine leichte Unzufriedenheit und schließt ein Gefühl von Sinnlosigkeit ein.

Manchmal zeigt sich eine solche Krise auch anders: Zum Beispiel als starke Sehnsucht nach mehr Lebendigkeit, nach etwas, das einen wirklich angeht, das nicht so grau ist wie der Alltag.

Oder sie zeigt sich als Bewusstsein der Vergänglichkeit: Die eigenen Kräfte lassen zum ersten Mal spürbar nach und erste Wehwehchen stellen sich ein. Dann liegt es nahe, sich noch einmal ein Stück Jugend zu holen - etwa durch den sprichwörtlichen Sportwagen, die jüngere Freundin, ein paar Marathonläufe.

Manchmal zeigt sich eine solche Krise aber auch als Wut über die Menge an Opfern, die man gebracht hat, um etwas zu erreichen. Oft speist sich diese Wut auch aus der Ermüdung und dem Gefühl, nach all den Anstrengungen nun mit Haus oder Wohnung, Familie und zwei Autos immer noch nicht recht glücklich zu sein.

Wie dem auch sei, in jedem Fall kann eine solche Krise ein Anlass sein, sich zu fragen, was einem denn nun wirklich wichtig ist. Was kann zurückbleiben? Was kam zu kurz? Was will jetzt gelebt werden? Was  möchte ich über mein Leben sagen, wenn es zu Ende geht? Wie will ich dann die hoffentlich kommenden Jahre und Jahrzehnte verbringen?

Ist eine mehr oder weniger starke Kurskorrektur notwendig? Oder geht es eher darum, das Leben, so wie es ist, tiefer zu erleben und zu genießen? Geht es vielleicht darum, da und dort das Tempo rauszunehmen?

Dantes Anwort auf die Midlife-crisis geht übrigens noch weiter. Sie ist letztlich religiös - oder wie wir heute sagen würden - spirituell. Sein Weg, der eine etwas moralinsaure Besichtigungstour durch Hölle, Fegefeuer und Paradies einschließt, ist sicher nicht jedermann Sache. Dennoch können wir - ein bißchen wie Dante - mitten im dunklen Wald fragen: Gibt es ein Ziel für mein Leben? Gibt es da etwas, das im letzten trägt? Worauf will ich mein Leben bauen? 


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