Dankbarkeit

Vor einigen Tagen hörte ich einen Satz, der mich sehr beeindruckt hat: "Es ist schöner dankbar zu sein, als sich schuldig zu fühlen." Gemeint war: Wenn ich Hilfe bekomme, dann kann ich mich irgendwie schuldig fühlen. "Wie kann ich dem anderen das nur zumuten? Bin ich das wert? Wie kann ich das wieder zurückzahlen?" Solche und ähnlich Gedanken - und das dazu gehörige Gefühl - können dann in mir auftauchen.

Eine ähnliche Idee hatte wohl der englische Philosoph Thomas Hobbes, als er meinte, es gebe nichts, was ein Mensch weniger verzeihe, als die Hilfe, die man ihm geleistet hat. Die nimmt er wirklich übel. Denn Hilfe bedeutet Unterlegenheit.

Wir können uns aber auch entscheiden, dem anderen, der uns hilft, einfach dankbar zu sein. Damit verzichten wir auch auf das Vorhaben, dem anderen gleiches mit gleichem zu vergelten. Wir nehmen die Hilfe einfach und freuen uns. Wahrscheinlich ist das für den Helfenden ohnehin die schönste ´Gegenleistung`.

Dankbarkeit ist ein nährende, eine warme Kraft in uns, die wir ziemlich selten nutzen. Auch was unser Leben im Ganzen angeht, laufen wir meist mit einer Liste von Problemen im Kopf herum, die uns Tag ein, Tag aus in Atem halten. Je nach Temperament beschweren wir uns dann entweder bei uns selbst, dass wir diese Probleme nicht gelöst haben, oder wir sind sauer auf die anderen oder gar auf das Leben, dass es uns vor solche Schwierigkeiten stellt.

Zweifellos gibt es natürlich Probleme, Leid und himmelschreiendes Unrecht auf der Welt. Es gibt  aber auch unzählige Gründe dankbar zu sein. Viele von uns sind ziemlich gesund, wir leben länger als die Generationen vor uns, und die meisten in Deutschland genießen einen Wohlstand der geschichtlich und weltweit seines Gleichen sucht.

Viele von uns haben Angehörige, mit denen sie im Großen und Ganzen gut verbunden sind, Freundinnen und Freunde, die ihnen wichtig sind, und Dinge in der Welt, die ihnen am Herzen liegen.

Und für so ziemlich jeden und jede von uns scheint draußen die Sonne. So ziemlich jeder kann die Sterne in wolkenlosen Frostnächten genießen oder den Rauhreif auf den Blättern der Büsche im Park. Das alles mindert das Leid auf der Welt nicht im Geringsten. Aber nur das Dunkel zu sehen, wird dem Leben aber eben auch nicht gerecht.

Vielleicht können wir die letzten Tage des Jahres nutzen, dem Leben Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und der Dankbarkeit ein wenig Raum zu geben. Zum Klagen ist dann ab dem 1.1. wieder ausreichend Zeit.


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