Innere Freiheit

Innere Freiheit

"Freiheit beginnt da, wo wir nichts mehr unternehmen müssen, um uns selbst oder anderen zu beweisen, dass wir gute Menschen sind." Über diesen Satz bin ich neulich beim Lesen eines Buches gestolpert. An die Stelle von "gut" könnten hier natürlich auch eine Menge anderer Adjektive treten, z.B. "erfolgreich", "liebenswert", "schön" oder "cool". Kurz gesagt meint der Satz, dass wir frei sind, wenn wir weder vor uns selbst noch vor anderen irgendetwas darstellen müssen.

Nun ist dieser Satz sicher nicht neu. Aber als ich ihn las, wurde mir auf einmal wenigstens ansatzweise bewusst, was denn alles wegfiele, wenn man nichts, wirklich gar nichts mehr täte, um sich und andere irgendwie zu beeindrucken. Was bliebe denn dann noch übrig? Wie viele akademische Titel, teure Autos oder Flugreisen in exotische Länder fielen dann weg? Wie viele Kleider blieben in den Kaufhäusern hängen? Wie viele Karrieren würden gar nicht erst begonnen? Wie viele - zumindest scheinbar - gute Taten blieben dann ungetan?

Sicher, vieles tun wir, weil wir es sinnvoll finden oder es uns Freude macht. Aber selbst dann schwingt oft (oder gar immer?) ein bißchem mit, dass wir uns irgendwie gut finden, wenn wir dieses oder jenes tun. Wenn man z.B. mit seinem Mountainbike einen Berg hinunter holzt, genießt man vielleicht die Bewegung. Gleichzeitig ist man sich aber doch ab und an freudig bewusst, dass man gerade den coolen Mountainbiker gibt. Wenn man in einer Berghütte vor einem Teller Kässpatzn sitzt, dann schwingt da vielleicht auch ein bisschem mit, dass man sich gerade in der Rolle wohl fühlt, "zünftig" zu sein. Höre ich aber ein klassisches Konzert, dann gefalle ich mir vielleicht gleichzeitig in der Rolle des kunstsinnigen Musikliebhabers.

Nun sind natürlich die meisten dieser Verhaltensweisen ganz harmlos. Oft aber sind sie recht anstrengend, v.a. wenn wir mit ihnen unser Selbstwertgefühl aufpolieren wollen.

Wie würde es sich wohl anfühlen, wenn dieser Drang, vor einem realen oder imaginären Publikum ein bisschen Theater zu spielen, ganz wegfiele? Etwa weil wir uns so mögen würden, wie wir nun einmal sind? Wie wäre es also, wenn wir einfach Mountainbiken würden, wenn wir Mountainbiken und essen, wenn wir essen, ohne dass das sonst noch etwas zu bedeuten hätte? Vor einiger Zeit wurde für eine Wohnung in der Münchner Maxvorstadt damit geworben, dass diese Wohnung ein "statement" sei. Wie wäre es also, wenn wir in Wohnungen wohnen würden, die uns gefallen, ganz egal, ob gerade graue oder grün-lila-karrierte Häuser in Mode sind?

Wenn wir also alle freier wären, wie sähe dann unsere Architektur aus? Wie würden wir uns dann fortbewegen? Wie viel müssten wir dann noch arbeiten? Wie würden wir leben?

Es wäre eine ganz neue Welt. Denn selbst das, was äußerlich so bliebe, wie es ist, wäre ganz und gar verwandelt. Denn ändert sich die Motivation, dann ändert sich alles.

 

 


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