Zeitvertreib

Vor einiger Zeit meinte ein Freund von mir: "Du machst also Yoga? - Auch keine schlechte Art, sich einfach mal wegzuschießen." Er hätte auch sagen können: "Keine schlechte Art, etwas mit sich anzufangen" oder "... sich die Zeit zu vertreiben". Diese Idee fand ich spannend. Und ich finde, er hat recht. Wer Yoga betreibt, der macht vielleicht - zumindest manchmal - vor allem eins: er oder sie vertreibt sich die Zeit und fängt etwas mit sich an. Dasselbe könnte man auch mit Biertrinken oder Youtube-gucken erreichen. (Allerdings ist Yoga gesünder und macht auf Dauer mehr Freude als viele andere Aktivitäten.)

Wie aber kommen wir dazu, dass wir etwas mit uns anfangen wollen? Wieso neigen wir dazu, uns die Zeit zu vertreiben? Wenn Sie diese Frage genauso spannend finden wie ich, schlage ich Ihnen ein Experiment vor: Versuchen Sie doch hin und wieder, einfach gar nichts mit sich anzufangen. Schweigen Sie einfach. Schalten Sie alle äußeren Ablenkungen ab und versuchen Sie dann, weder über etwas nachzudenken, noch etwas zu tun oder zu phantasieren. Versuchen Sie auch nicht zu meditieren. (Dann nämlich laufen Sie Gefahr, wieder irgendetwas zu tun und irgendein Ziel zu verfolgen. Am Ende hoffen Sie still und heimlich auf Erleuchtung oder etwas ähnlich Außergewöhnliches.) Bleiben Sie einfach dabei, nichts zu tun.

Nun, wie hat es geklappt? Vielleicht ging es Ihnen wie den meisten: Wenn wir schweigen, tauchen schnell tausend Gedanken auf. Wenn diese Gedanken irgendwann zum Schweigen kommen, zeigen sich Gefühle, meist ziemlich unangenehme Gefühle, wie Trauer oder Wut. Und wenn wir lange genug warten, dann taucht da eine gewaltige Angst auf. Und spätestens an diesem Punkt liegt es nahe, endlich etwas zu unternehmen. Diese Angst nämlich ist schwer erträglich.

Was ist das für eine Angst? Nun, vermutlich hat sie viele Gesichter. Eine ihrer Formen, die mir immer wieder begegnet, ist die Angst davor, - bildlich gesprochen - in einem vollständig dunklen, völlig leeren Raum zu sein - und niemand antwortet. Die Welt ist verschwunden. Alles ist stumm und nichts hat irgendeine Bedeutung oder irgendeinen Sinn. Das pure Nichts.

Normalerweise versuchen wir, irgendwie von dieser Angst loszukommen. Und wir bemühen uns, sie zu widerlegen: Wenn alles bedeutungslos sein könnte, dann, so der Plan, müssen wir möglichst viel schaffen, das uns und dem Leben Bedeutung geben könnte. Dann müssen wir etwas in der Welt bewegen, das andere sehen und uns bestätigen: "Das ist schön. Das ist gut. Du bist wichtig." Leider nutzt das gegen die Angst wenig. Eine andere Strategie gegen die Angst besteht darin, möglichst viel zu erleben und zu genießen. Man kann aber auch versuchen sich hinter einem Berg von Sicherheiten - Geld, Titel, Karriere - vor der eigenen Angst zu verschanzen. Oder man baut sich eine Theorie über das Leben, am besten eine, die alles erklärt, und die uns sagt: "Alles ist/wird gut."

Leider hilft all das nur an der Oberfläche. Im Hintergrund lauert die Angst - immer noch. Und sie scheint irgendwie durch. Sie bleibt spürbar hinter all dem Gewusel, mit dem wir unsere Zeit verbringen und mit dem wir uns vor der Angst in Sicherheit bringen wollen.

Dabei gibt es einen Strategie im Umgang mit der Angst, die wirklich hilft: Anstatt vor der Angst davon zu laufen, kann man ihr ins Auge sehen. Und wenn wir diese Angst eine Weile aushalten, wird es in uns wieder heller und weiter. Und wenn es gut geht, stellt sich ein wenig Friede ein - ein Friede nicht immer ohne aber neben oder auch jenseits der Angst. Vieles von dem, was wir sonst tun, erscheint dann unwichtig. Anderes bleibt wichtig, verändert aber seinen Charakter: Anstatt eine Flucht zu sein, ist es etwas, das wir einfach tun, weil es sich uns als sinnvoll zeigt - mehr nicht.


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