Versöhnung

Wut und Zorn sind vitale menschliche Kräfte, die sehr nützlich sein können. Das zeigt sich gerade auch in Therapien und in der Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte. Wer zu früh verzeiht, bringt sich um die Lebendigkeit und Kraft, die im Zorn wirksam werden. Er bringt sich um
ein Stück Eigenständigkeit.

Umgekehrt gilt freilich auch: Wer zulange ausschließlich im Zorn zurückschaut, sieht meist nur einen Teil der Wirklichkeit. Und wenn dieser Teil zu lange festgehalten wird, vergiftet er die Gegenwart. Ein umfassendes und realistisches Bild des eigenen Lebens würde eben nicht nur die Verletzungen sondern auch das Gute thematisieren: Vielleicht war z.B. der manchmal cholerische Vater eben
nicht nur jähzornig. Vielleicht war er auch fürsorglich. Vielleicht konnte man mit ihm viele spannende Dinge unternehmen. Vielleicht hat er einem viel beigebracht. Kurz, vielleicht war da neben Schatten auch Licht, ja sogar Grund für Dankbarkeit. Diese andere, gut Seite zu sehen, kann Teil eines Weges zur Versöhnung sein, der manchmal aber nicht immer möglich ist.

Ein anderer Aspekt von Versöhnung kann sein, die anderen nicht nur aus der eigenen sondern auch aus ihrer Perspektive zu betrachten. Wie viel Wärme konnte eine Witwe mit vier Kindern geben, die ihren Mann im Krieg verloren hat? Wie viel dessen, was in der eigenen Kindheit vielleicht schwer war, entstand gerade aus dem Wunsch der Eltern, ihre Sache gut zu machen? Was ist Folge gut gemeinter Ideale, denen die Eltern folgten? Was ist Folge materieller oder emotionaler Not? Wo waren die Eltern selbst blockiert? Was haben sie wohl als Kinder erlebt?

Wer so fragt, der muss seine eigenen Gefühle von Wut und Trauer nicht verleugnen. Nein, erst wenn er oder sie diese Gefühle liebevoll betrachtet, entsteht – vielleicht – eine innere Weite, die groß genug ist, auch den anderen liebevoll zu betrachten. Dann können vielleicht all die Vorwürfe fallen gelassen werden, die manche Menschen bis ins hohe Altern hinein nicht loslassen wollen oder nicht loslassen können. Und dann kehrt vielleicht ein Stück innerer Friede und Weite ein, aus
dem heraus das eigene Leben freier gelebt werden kann.


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