Entschiedenheit

Entschiedenheit

Wenn ich von meiner Heidelberger Wohnung in den Wald will, komme ich an einem schönen Friedhof vorbei. Oft mache ich einen Umweg und gehe unter den großen alten Bäumen des sogenannten „Bergfriedhofs“ bergauf. Dabei komme ich manchmal an einem alten Grabstein vorbei. Auf diesem Stein steht: „Er war ein Biedermann und tat stets seine Pflicht. Wer solchen Schatz auf Erden gewann, verliert ihn auch im Himmel nicht.“

Dieser Satz wirkt auf mich erst einmal fremd. Wie aus einer anderen Kultur. Wie mag dieser Mann gelebt haben, dass dieser Satz passend schien? Ich denke an einen sehr korrekten und fleißigen Menschen – und hoffe, dass er auch leichte oder liebevolle Momente genossen hat.

Andererseits, wenn man mal die Wortwahl beiseite lässt, leben wir vielleicht gar nicht so anders als dieser Mann. Wir würden kaum von „Pflicht“ reden und die meisten hoffen auf keine himmlische Belohnung mehr. Aber diszipliniert und leistungsbereit sind die meisten von uns auch.

Wir machen Aus- und Fortbildungen, erklimmen Karrierstufen oder kämpfen, um bestimmte Umsatzzahlen zu erreichen. Daneben haben viele von uns Familie und bemühen sich intensiv um die Förderung ihrer Kinder. Viele verwenden ihre freien Stunden, um irgenwelche Trainingsziele zu erreichen. Ständig kaufen wir neue Dinge, um unseren „style“ auf den neuesten Stand zu bringen. Und wenn wir sich mal ein paar Minuten Leerlauf ergeben, kommunizieren und netzwerken wir auf allen Kanälen. Nicht alles davon ist sinnvoll. Und viele von uns fühlen sich überfordert.

Ich frage mich: Was würden wohl unsere Nachkommen gerne auf unsere Grabsteine schreiben? Und was von all dem, das uns täglich umtreibt, würden wir gerne in unserem persönlichen Nachruf lesen? Anders gefragt, was ist uns wirklich wichtig? Worauf kommt es uns an? Wie wollen wir wirklich leben? Wie wichtig sind Status, Einkommen, Sicherheit und ein gutes Aussehen wirklich?
Gibt es da noch anderes, auf das es uns ankommt? Gibt es Dinge, die zu kurz kommen in meinem Leben?

Der viel kritisierte Philosoph Martin Heidegger scheint mir mindestens in einem recht gehabt zu haben: Es macht Sinn, sein Leben vom Ende her zu betrachten. Was ist wichtig und wesentlich, wenn ich mir meinen Tod vor Augen führe? Wer so fragt, lebt vielleicht in dem ein oder anderen Punkt anders. Auf alle Fälle lebt er oder sie entschiedener. Denn die Aktivitäten, die diese Frage überstanden haben, haben für offensichtlich aus dem ein oder anderen Grund ein gewisses Gewicht - und sei es nur, dass sie zwar lästig aber wirklich notwendig sind.


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