Werde der Du bist

“Werde der Du bist”, dieser Satz wird leicht missverstanden. Manche meinen z.B., er ziele auf eine rein egoistische Selbstverwirklichung. Es handele sich um eine Aufforderung, die eigenen Bedürfnisse und Anlagen gegen die Bedürfnisse der anderen und gegen die Regeln der Gesellschaft zu verwirklichen. Nun kommt es natürlich häufig vor, dass wir uns in einem gerade zu krankmachenden Ausmaß durch andere bestimmen lassen und dabei an uns selbst vorbei leben. In der populärpsychologischen Literatur - oder in dem beeindruckenden Roman “Mars” von Fritz Zorn - ist diese Gefahr ausführlich beschrieben.

Mit “Werde der Du bist” kann aber ganz etwas anderes gemeint sein. In den Augen des Psychologen und Begründer der Logotherapie Viktor Frankl z.B. drückt dieser eine Aufforderung aus, uns selbst zu überschreiten, indem wir auf das Wohl anderer Menschen achten und in unserem Leben überindividuelle Werte - wie z.B. Freiheit oder Mitmenschlichkeit - leben. Wir werden also nur dann wir selbst, wenn wir etwas im Blick haben, das nicht wieder wir selbst sind.

Ein Leben, in dem wir ausschließlich um uns selbst und unsere Lust kreisen, wäre für Frankl hohl und leer. Es führt ins Depression und Sinnlosigkeit. Wenn wir uns hingegen auf etwas ausrichten, das in sich - unabhängig von unserem Nutzen - wertvoll ist , gewinnt unser Leben Richtung und Sinn. Dann leben wir freudvoller und erfüllter.

Um es noch anders auszudrücken: Weder Selbstaufopferung und Anpassung noch Egoismus und einseitige Lustorientierung führen zu einem gelungenen und befriedigenden Leben, sondern die Orientierung an den eigenen Werten und das Zusammenleben mit anderen Menschen. In einem solchen Leben hat dann auch die Befriedigung unserer persönlicher Wünsche und Bedürfnisse ihren Platz.


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