Werde der du bist 2

Werde der du bist 2

 “Werde der Du bist”, dieser Satz klingt für mich verheißungsvoll nach echtem, authentischem Leben, nach Leben in Einklang mit mir selbst. Zugleich kann dieser Satz aber auch als Anspruch erfahren werden. Und in der Tat formuliert er einen Anspruch, nämlich den Anspruch, sich nicht zu verlieren in einem Leben, das bestimmt ist von den Erwartungen anderer und von gesellschaftlichen Üblichkeiten.
Nun kann jeder Anspruch auch als eine Last erfahren werden. Für Menschen, die oft zweifeln, ob sie in Ordnung sind, und die immer meinen, sich verbessern und verändern zu müssen, liegt es sehr nah, “Werde der Du bist” nur als eine weitere Pflicht zu verstehen. Ja dieser Satz kann in ihren Augen geradezu zu einer Zusammenfassung des grundlegenden Gefühls werden, nie anzukommen und nie gut genug zu sein. “Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen”, oder “Sei großartig. Sei etwas Besonderes” so kann dieser Satz eben auch verstanden werden. Ein Bekannter schlug mir daher vor, ihn in “Sei, der Du bist” umzuwandeln.
Nun,für mich beinhaltet die Aussage “Werde der Du bist” im Gegenteil gerade die Zusage “Du darfst so sein, wie Du bist”. Und das schließt die Akzeptanz all der Defiziten und Schwächen ein, die ich im Augenblick haben mag. Nur wenn ich mich nämlich liebe und mich selbst bejahe, kann ich all die Schätze heben, die in mir verborgen sind . Und nur dann kann ich überzogene Erwartungen an mich, die mich antreiben und meinen Alltag vergiften, hinter mir lassen.
Wer wirklich er - oder sie - selbst wird, muss weder großartig und erfolgreich sein, noch muss er sich selbst klein machen, um in irgendeine Schablone zu passen. Er - oder sie - kann einfach das leben, was im Augeblick ansteht und richtig ist, sei es “bedeutend” oder “klein”. Er kann sich von sich selbst und dem Leben überraschen lassen und gelassen durch den Alltag gehen.
“Werde der Du bist” steht für mich für die Befreiung zu mir selbst - und zur echten Begegnung mit anderen - jenseits von falschen Rollen oder Vorstellungen und jenseits des Müssens.


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