Der zärtliche Blick

In meiner Arbeit mit Paaren passiert es sehr oft, dass beide sehr genau
wissen, wie der jeweils andere "tickt". Und natürlich haben Menschen, die in eine
Beratung kommen, dabei oft keine allzu hohe Meinung von bestimmten
Seiten ihres jeweiligen Partners. Oft ist die eigene Sicht getrübt von
Enttäuschungen und Verletzungen. Es kostet dann unter Umständen einige
Mühe, ein wenig Raum zu schaffen für die Idee, dass der andere doch
vielleicht anders sein könnte als gedacht.

In erster Schritt dazu kann darin bestehen, den anderen einmal etwas
leidenschaftsloser, neutraler und objektiver zu betrachten als bisher.
Anders gesagt, es kann sinnvoll sein, die eigenen Gefühle und den
eigenen Standpunkt erst einmal von der Betrachtung des anderen zu
trennen. Und dann kann man sich z.B. fragen, ob das Verhalten des
anderen doch andere, vielleicht weniger boshafte Gründe hat, als
diejenigen, die ich bisher unterstellt habe. Ja, man kann sogar darüber
nachdenken, ob man zum Verhalten des anderen nicht selbst das ein oder
andere beiträgt.

Dieser erste Schritt erlaubt es, die Situation etwas friedlicher zu
gestalten. Viel nachhaltiger und schöner aber ist es, wenn einer oder
gar beide sich dazu entschließen, den anderen mit einem wohlwollenden, oder gar
zärtlichen Blick zu betrachten. Vielleicht mischt sich in diesen Blick
auch ein wenig Mitgefühl: Wie geht es dem anderen in dieser Situation? Wie verzweifelt fühlt er oder sie sich möglicherweise? Ein zärtlicher Blick lässt sich von diesen Fragen berühren. Wer so schaut, kann fragen „Was braucht eigentlich der andere? Was kann ich für ihn oder für sie tun?“

Nur ein solcher Blick bekommt auch ein wenig von der möglichen Schönheit
des anderen vor Augen.

Es ist wie mit der Welt als Ganzer überhaupt: Ein objektiver Blick sieht
einerseits sehr viel, andererseits aber sieht er nichts von Bedeutung.
Die majestätische, uralte Buche dort vorne wird einem solchen Blick zu
einem Haufen Kohlenstoff oder zu ein paar Festmeter Holz. Die Schönheit
einer Symphonie wird zu einer Ansammlung von Tönen, die sich neutral
betrachtet, von den Tönen einer Kreissäge nicht unterscheiden lassen.

Nur der zärtliche, der liebevolle, der beteiligte Betrachter oder
Zuhörer sieht also das, was wesentlich und bedeutsam ist. Nur derjenige,
der sich so einem Menschen nähert, sieht ihn oder sie wirklich. Nur wer liebevoll ist, begegnet einem
anderen Menschen.


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