Programmiertes Scheitern

Programmiertes Scheitern

Ob wir gescheitert sind oder nicht, entscheidet sich letztlich immer daran, ob wir einem bestimmten Maßstab genügen oder ob wir ein bestimmtes Ziel erreichen. Manche dieser Anforderungen sind so hoch und manche Ziele so unrealistisch, dass wir scheitern müssen. Ein solch programmiertes Scheitern begegnet mir häufig auch in Paarberatungen. Wenn ich mir ein typisches Paar vorstellen sollte, würde ich es in etwa so schildern: zwei Akademiker, seit 10 Jahren verheiratet, zwei Kinder - und in einer heftigen Krise.

Sie wirft ihm vor, seine Karriere auf Kosten der Familie zu verfolgen. Sie komme kaum dazu, sich beruflich zu entfalten und ihren sonstigen Interessen nachzugehen. Er verweist darauf, dass er verdammt hart arbeite und damit das gemeinsame Haus, den Urlaub, die Autos und all die anderen schönen Dinge zum größten Teil finanziere. Zu seinen Hobbies und Freundschaften komme er kaum noch. Immer erwarte seine Frau etwas von ihm….

Ja, erwidert die Frau, er arbeite wirklich zu viel. Überhaupt sei er zu einem Langweiler geworden. Abends komme er spät nach Hause und habe dann auf nichts mehr Lust. So habe sie sich das gemeinsame Leben nicht vorgestellt. Und dafür habe sie jetzt beruflich zurückgesteckt.

Auf die Frage, wie die beiden sich das gemeinsame Leben denn zu Beginn ihrer Ehe ausgemalt haben, zeichnen sie beide dasselbe Bild: Beide wollten ihre Karriere verfolgen, ein Haus bauen, Kinder bekommen, und weiterhin Zeit haben für romantische Zweisamkeit aber auch für persönliche Hobbies und Freundschaften.

Am Anfang habe das noch halbwegs funktioniert, aber mit dem Kauf des Hauses und dem zweiten Kind habe das alles nicht mehr geklappt. In Beratungen bitte ich die Partner in solchen Situationen manchmal einmal aufzuschreiben, wie viel Zeit sie jeweils für all die genannten Punkte brauchen und dabei auch Zeit für Schlafen und Essen einzuplanen. Meist kommen beide dann auf deutlich über 24 Stunden pro Kopf.

Nun haben die Probleme dieses Paares zweifellos auch eine gesellschaftliche Dimension: Einerseits erwarten wir von Männern wie Frauen, dass sie beruflich ihren Weg gehen und sich gleichzeitig die sogenannte Familienarbeit gerecht teilen. Andererseits ist das mit den steigenden Anforderungen an Flexibilität, Einsatz und Verfügbarkeit, die gerade an akademisch qualifizierte Arbeitnehmer gestellt werden, völlig unvereinbar.

Dazu kommen dann noch hohe persönliche Erwartungen: Freundschaften, Reisen, Romantik, Sport, Hobbies und so weiter. Viele Ratgeber bestätigen ihre Leser in diesem Programm: All das ist angeblich für eine gelingende Beziehung unerlässlich.

Leider ist dieses Programm in der Praxis meist zum Scheitern verurteilt. Eigenartigerweise fällt uns das aber nicht auf. Wir suchen den Grund für unser Scheitern nicht bei den überhöhten Maßstäben sondern bei uns und unserer Unfähigkeit. Irgendwie muss es doch gehen… Ich muss da an einen schönen Spruch denken: Als wir das Ziel endgültig aus den Augen verloren, verdoppelten wir unsere Anstrengungen.

Warum tun wir das? Der Soziologe Hartmut Rose hat hierzu eine Vermutung: Da wir unser Glück nicht mehr im Jenseits suchen, müssen wir möglichst viel aus unserem Leben herausholen. Die Folge seien ein immer höheres Lebenstempo und immer mehr Stress.


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