Würde statt Selbstoptimierung

Würde statt Selbstoptimierung

Was ist eigentlich Würde? Kann man seine Würde auch verlieren? Im Diskussionen zum Thema Sterbehilfe und Suizid ist oft davon die Rede, es gehe darum, etwa schwer kranken Menschen einen „würdigen Tod“ zu ermöglichen.

Man kann über die Sterbehilfe unterschiedlicher Meinung sein. Aber eins scheint mir fragwürdig: Warum ist z.B. ein Sterbeprozess, in dem einem Menschen schrittweise die Kontrolle über das eigene Leben und den eigenen Körper entgleitet „unwürdig“?

Die Auffassung von Würde, die unserem Grundgesetz zugrunde liegt, macht eines ganz klar: Die eigene Würde kann man unter gar keinen Umständen verlieren. Sie ist nicht an Kontrolle über das eigenen Leben oder über den eigenen Körper gebunden. Sie beruht auf keiner Leistung. Man hat sie einfach und zwar immer

Dieser Gedanke stammt letztlich aus einer Erfahrung, die Judentum und Christentum teilen: Jeder Mensch verdankt sein Leben einem grundsätzlichen Ja. Jeder Mensch ist von einem absoluten Gegenüber zutiefst gewollt. Nichts, was er tut – oder andere ihm antun könnten -, kann das ausradieren. Im Christentum wird diese Erfahrung auf die Spitze getrieben, wenn Gott selbst gefoltert am Kreuz stirbt.

Auch wenn wir diese Erfahrung inzwischen ohne religiösen Bezug ausformuliert haben, sie ist trotzdem grundlegend für unsere Kultur. Wenn wir die Auffassung einer absoluten und unverlierbaren Würde aufgeben und unseren Wert an irgendeine Art von Leistung binden, wird unsere Gesellschaft ein gutes Stück härter und unbarmherziger. 

Wir nähern uns dann einer vorchristlichen Vorstellung von Würde an. Von römischen Adeligen z.B. wurde in Situationen, in denen sie ihre Ehre verloren hatten, der Selbstmord geradezu gefordert. Ich frage mich daher, ob wir nicht bald von anderen erwarten werden, ihrem Leben eine Ende zu setzen, wenn es nicht mehr lebenswert zu sein scheint. Vielleicht gehen wir ja sogar irgendwann soweit, dass wir solche Entscheidungen routinemäßig für andere fällen.

Und ich frage mich, ob eine Auffassung die Wert und Würde an Leistung bindet, sich nicht subtil schon in vielen anderen Bereichen zeigt: Mache was aus deinen Leben! Halte Dich schön und fit! Bleibe jung, erfolgreich und geistig beweglich! Wenn dir das nicht gelingt oder du es aus irgendwelchen Gründen versäumst, dich ständig zu optimieren, dann hast du etwas falsch gemacht… Wir sind sehr ungnädig geworden – mit uns selbst und anderen. (Vermutlich ist das auch eine Folge davon, dass sich das Konkurrenzprinzip, das unsere Wirtschaftsordnung prägt, in immer mehr Lebensbereiche ausgebreitet hat.)

Wie erleichternd ist es dagegen, wenn man sein Leben aus einem tiefen Ja zum Leben und zu sich selbst leben kann, aus einem Ja, das immer gilt, egal wie schön, erfolgreich, sportlich und intelligent man ist.


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